Es geht um Rassismus! Grundlagen eines Begriffes
Ein wesentlicher Teil des Projekts „Courage für Kinder“ ist die Aufdeckung und Abstellung diskriminierender Denkmuster und Verhaltensweisen, nicht nur im Arbeitsalltag von ErzieherInnen. Rassismus ist ein Problem, das in der Mitte der Gesellschaft stattfindet. Ziel muss es sein, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Rassismus um uns herum passiert und das wir, oft doch unbewusst mitmachen, weil Rassismus zur tradierten Lebenswelt gehört. Aus diesen Vorstellungen auszubrechen und damit für ein rassismusfreies Miteinander zu sorgen heißt, Rassismus zu erkennen und ihm, wo immer er auftritt, entgegen zu treten – in der Kneipe, auf dem Spielplatz, in den Medien, am Arbeitsplatz, in der Familie.
Beim folgenden Text handelt es sich in großen Teilen um die Übernahme eines Artikels, der gemeinsam von der Opferberatung der RAA Leipzig e.V. und dem Antidiskriminierungsbüro Sachsen e.V. im Jahre 2007 veröffentlicht wurde. Es wurden lediglich einige wenige Anpassungen vorgenommen.
Das
Thema Rassismus scheint uns in der öffentlichen Diskussion unterrepräsentiert. Das zeigt sich einerseits daran, dass es in den neuen Bundesländern bislang flächendeckend, trotz einiger Bemühungen (1), Zahlen über Fälle rassistischer Diskriminierung gibt. Andererseits stoßen wir immer wieder auf analytische Defizite bei der Beschreibung des Problems. Auf politischen Podien, an Schulen und Universitäten und selbst in Arbeitskreisen zu Migration wird weiterhin von Ausländerfeindlichkeit (oder auch Ausländerfreundlichkeit), von Ängsten und von Vorurteilen gesprochen. Der Begriff »Rassismus« wird vermieden. Das hat »knallharte« Auswirkungen auf die Praxis, also auf migrationspolitische Entscheidungen, auf Versuche antirassistischer Interventionen, auf politische Bildungsarbeit oder einfach beim Reden über »die Anderen«. An dieser Stelle soll daher ein kurzer theoretischer Abriss zu unserem Verständnis des Begriffs Rassismus, in Abgrenzung zum biologistischen Rassismus im Nationalsozialismus und zu Begrifflichkeiten wie Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit gegeben werden.
(1) Für Leipzig und Umgebung sei auf die „Dokumentation rassistischer, faschistischer und diskriminierender Ereignisse in und um Leipzig“ Chronik.LE hingewiesen, www.chronikLE.org
Was ist Rassismus?
Der klassische, biologistisch argumentierende Rassismus setzt auf genetische und morphologische Unterschiede, also auf die Abstammung. Er teilt die Menschheit in Rassen mit unterschiedlichen Wertigkeiten ein. Der Begriff der Rasse ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt (2) und durch die Erfahrung des Nationalsozialismus politisch diskreditiert. Die biologistische Variante des Rassismus hat sich damit aber nicht erledigt: bis Ende der 80er Jahre wurden Menschen noch ganz selbstverständlich z. B. in Lehrbüchern in Rassen eingeteilt und auch heute noch sind solche Meinungen präsent.
Die zeitgemäße Variante, der kulturalistische Rassismus oder auch Neorassismus, konstruiert Gruppen über Zuordnungen wie Kultur, Ethnie oder Religion. Begriffe wie »Reinheit des Volkes« werden ausgetauscht durch die »Gefahr der Überfremdung/der multikulturellen Gesellschaft« bzw. der »nationalen Identität«.
Der Begriff Rassismus im Sinne einer eigenständigen theoretischen Kategorie wurde erst Mitte der achtziger Jahre in die hiesige Debatte eingeführt. Die Definition von Rassismus umfasst danach mehrere Komponenten(3):
1. Der Prozess der Rassifizierung
Ein Element von Rassismus ist die Konstruktion homogener Gruppen, bezeichnet als Rassifizierung oder rassistische Konstruktion. Sowohl beim biologistischen als auch beim kulturalistischen Rassismus werden Menschen anhand äußerlich feststellbarer Merkmale wie z. B. Hautfarbe, Gesichtsform, Sprache, Religion oder Kleidung als natürliche Gruppe festgelegt. Mit diesen Merkmalen werden Eigenschaften bzw. »Mentalitäten« in festschreibender Weise verbunden: »Der Neger ist seiner Natur nach triebhaft, faul und hat Rhythmus im Blut«; »Muslime sind qua ihrer Kultur gewaltbereit, intolerant und unterdrücken Frauen«. Die »Mentalitäten« der »Anderen« werden dabei in der Regel negativ bzw. von der Norm abweichend bewertet, die eigenen gelten als positiv bzw. normal. Beobachtbare Unterschiede zwischen Menschen werden mit Bedeutung aufgeladen. Dazu kommt: Welche Unterschiede Bedeutung erlangen, ist willkürlich. Und selbst wenn gar keine Unterschiede zu beobachten sind, wie etwa im Fall von Juden und Jüdinnen während der Zeit des Nationalsozialismus, dann werden welche erfunden und beispielsweise durch Anheften von gelben Sternen sichtbar gemacht.
2. Die Ausgrenzungspraxis
Die neuere Rassismusforschung hat erkannt, dass Rassismus ein weiteres Element enthält: die Ausgrenzungspraxis. Damit wird auf die praktische Seite von Rassismus verwiesen: die Benachteiligung bei der Zuteilung gesellschaftlicher Ressourcen. Die rassistische Konstruktion homogener Gruppen (z. B. der Araber, der Schwarzen, etc.) dient zur Begründung von sozialen, politischen und ökonomischen Ausschlüssen eben dieser Gruppen. Das betrifft z.B. die Teilhabe am Berufsleben und Lohnerwerb (Arbeitsmarkt), den Zugang zu Bildung oder die kulturelle Teilhabe an der Gesellschaft, wie z.B. Repräsentation in Politik, Justiz und Verwaltung und kulturelle Repräsentation in den Medien, bzw. als Teil der nationalen Wertegemeinschaft. Die o. g. Konstruktion entfaltet erst durch diese alltäglichen Ausschlusspraxen und entsprechende Institutionen und Strukturen zu ihrer Durchsetzung soziale Wirksamkeit. Ein entscheidendes Element ist dabei die Staatsbürgerschaft.
3. Das Machtverhältnis
Darüber hinaus muss eine Gruppe auch über die Macht verfügen, die andere Gruppe sichtbar zu machen, zu bewerten und auszugrenzen. Das kann mittels direkter körperlicher Gewalt geschehen so z. B. im Kolonialismus, aber auch durch strukturelle Gewalt, wie z. B. durch die Verweigerung einer Arbeitserlaubnis für bestimmte »Ausländer«.
Von Rassismus sprechen wir, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind. Zum einen, wenn bestimmte (wirkliche oder behauptete) Merkmale als Kennzeichen einer Gruppe definiert und diese mit bestimmten Verhaltensund Lebensweisen verknüpft werden (Rassenkonstruktionen). Zum anderen, wenn die so definierte Gruppe ausgegrenzt und marginalisiert wird (Ausgrenzungspraxis). Und schließlich, wenn ungleiche Machtverhältnisse eine Definitionsmacht der einen Gruppe über die andere ermöglichen.
(2) vgl. Holger Kulick, Toralf Staud: Das Buch gegen Nazis. Rechtsextremismus – was man wissen muss und wie man sich wehren kann, Köln 2009, S.26, sowie: Steve Olson: Herkunft und Geschichte des Menschen. Was Gene über unsere Vergangeheit verraten, Berlin 2007, S. 100f.
(3) vgl. Mark Terkessidis: Die Banalität des Rassismus. Migranten der zweiten Generation entwickeln eine neue Perspektive. Transcript 2004, S. 98f.
Rassistisches Alltagswissen
Das Zusammenspiel der drei Elemente von Rassismus – rassistische Gruppenkonstruktion, Ausschlusspraxis und Machtungleichheit – bringt eine soziale Wirklichkeit hervor, die als sogenanntes rassistisches Alltagswissen unser aller Alltagswissen mitbestimmt: »Frauen mit Schleier werden unterdrückt«, »Menschen mit Migrationshintergrund sprechen nur schlecht deutsch«, »Schwarze dealen«, etc. Dies wiederum fördert und festigt die Konstruktion von Gruppen, welche dann der Ausschlusspraxis ausgesetzt werden.
Im Ergebnis zieht man »die Anderen« zur Rechenschaft, weil sie genau in der Rolle sind, in welche die gesellschaftliche Verteilung von Chancen sie gestoßen hat. Zum Beispiel wird es Migrantinnen zunächst unmöglich gemacht, legal zu arbeiten. So sind sie gezwungen, von staatlicher Unterstützung zu leben. Im rassistischen Alltagswissen gelten sie dann als faul und als Schmarotzer.
Rassismus ist also auch historisch überlieferter und gewachsener, selbstverständlicher Wissensbestand moderner Gesellschaft, dessen Ursprünge bis in die Zeit des frühen Kolonialismus zurückreichen. Dieses »rassistische Wissen« ist eng verknüpft mit den sozialen Institutionen des Arbeitsmarktes, der Staatsbürgerschaft und der kulturellen Hegemonie. Diese Institutionen verändern sich zwar in unterschiedlichen Epochen und Nationenkonzepten, nichtsdestotrotz reproduzieren sie die Ungleichheit zwischen Einheimischen und Einwanderern immer wieder aufs Neue.
Rassismus ist mehr als ein Vorurteil
Rassismus entfaltet seine Wirkung auf verschiedenen Ebenen:
- Strukturelle/institutionelle Ebene (so genannter staatlicher Rassismus z. B. Aufenthaltsrecht, Arbeitsmarkt, Schule)
Als Beispiel dient hier die überdurchschnittlich hohe Sonderschulquote der Kinder von Migrantinnen, die auf strukturell diskriminierende Auslesemechanismen zurückzuführen ist.
- Diskursive Ebene (z. B. Medienberichterstattung, öffentliche und private Äußerungen, Diskurse)
Es bleibt beispielsweise nicht ohne Wirkung, wenn Medien und Politikerinnen immer wieder die »Ausländerkriminalität« zum Thema machen, oder wenn Terrorismus mit Fremdheit diskursiv verknüpft
- Individuelle Ebene der Subjekte / der Menschen (z.B. diskriminierende Äußerungen und Handlungen)
Rassismus muss daher auch auf verschiedenen Ebenen analysiert und entsprechend entgegengetreten werden. Er wird unangemessen verstanden, wenn er bloß als individuelle Einstellung oder als Vorurteil Einzelner gesehen wird. Denn die Einstellungen und Subjekte sind nun einmal nicht zu trennen von den strukturellen Verhältnissen, in denen sie leben und handeln.
Vorurteile mögen ebenso verletzend, demütigend und provozierend sein. Rassismus aber setzt eine Machtungleichheit voraus und impliziert ein strukturelles Gewaltverhältnis. Die rassistischen Zuschreibungen erfolgen aus der Position der Stärke heraus und werden dadurch sozial wirksam, was die Betroffenen leidvoll erfahren.
Das Phänomen Rassismus wird zwar von Individuen vermittelt und getragen, findet seine Wirkung aber nicht nur in den Handlungen von Einzelnen. Er ist eine durch die Gesellschaft tagtäglich (re)produzierte Erscheinung, in der Macht- und Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruckkommen.
Rassismus und Ausländerfeindlichkeit/Fremdenfeindlichkeit
Die Begrifflichkeiten Ausländerfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit sind demnach nicht geeignet, um die Tragweite von Rassismus als gesellschaftliches Machtverhältnis angemessen zu beschreiben. Einerseits, weil sich Feindlichkeit, Ausgrenzung und Gewalt nicht gegen bestimmte »Ausländer« und »Fremde« (z. B. nicht gegen weiße Schottinnen oder Schwedinnen) richten. Andererseits, weil auch »Inländer«, also Menschen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass, betroffen sind.
Die Begriffe reproduzieren die Vorstellung, dass es sich bei den Betroffenen um Fremde handelt. Sie laden dazu ein, von quasi angeborenen Ängsten gegen Fremde auszugehen, die grundsätzlich verständlich seien. Dabei sei die Beunruhigung durch das Fremde nicht rassistisch, wenngleich sie eine Versuchung darstellt.
Darüber hinaus reduziert sich die von den Betroffenen erfahrene Gewalt nicht nur auf physische Gewalt oder verbale Feindlichkeiten. Die als strukturelle oder soziale Gewalt erlebten alltäglichen Ausgrenzungen und Diskriminierungen, die von der Mitte der Gesellschaft ausgehen, werden durch die Begriffe »Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit« relativiert.
Deshalb ist es sinnvoll, von Rassismus zu sprechen.
Fazit
Es gibt in der Realität keine einheitliche Gruppe mit dem Namen »Ausländer«. Dennoch haben die Phantome von »Wir« und »Ihr« eine immense Wirkkraft. Erst wenn man Rassismus auch als gesellschaftliches Machtverhältnis begreift, entgeht man der permanenten Moralisierung des Themas.
Es geht nicht darum, die hegemoniale Gruppe als böse zu diffamieren und die Opfer prinzipiell als gut zu befinden, was in antirassistischen Kämpfen oft genug geschehen ist.
Wichtig ist vielmehr, die Herstellung der Phantome »Wir« und »die Anderen« im normalen Funktionieren der Gesellschaft sichtbar zu machen. Selbst im Falle von schweren, intentionalen Gewalttaten mit rassistischem Hintergrund geht es in der Forschung über Rassismus primär nicht um böse oder gut. Es geht vielmehr darum, die institutionellen Mechanismen und Wissensbestände zu thematisieren, welche es den Tätern erlauben, die attackierten Personen überhaupt als »Objekte« zu identifizieren und sich die Legimitation für Gewalttaten oder auch Morde zu verschaffen. Was die individuellen Motive für solche Taten betrifft - die Frage also, warum diese und keine andere Person die Tat ausgeführt hat-, spricht nichts gegen eine individualpsychologische Herangehensweise.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass es keine persönliche Verantwortung für rassistische Handlungen mehr gibt. Jeder und jede Einzelne bleibt insbesondere vor diesem Hintergrund aufgefordert, seine bzw. ihre Haltungen und Handlungen zu hinterfragen. Wie beschrieben ist Rassismus ein gesellschaftliches Verhältnis, dennoch dürfen wir uns unserer persönlichen Verantwortung nicht entziehen.



